| URSULA SCHULZ-DORNBURG | |
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Ewiger Weizen Orte Ursula Schulz-Dornburg fotografiert vorwiegend Architektur: Die Sprache der Vorhänge in den Bogengängen am Markusplatz; die ins Meer gerammten Holz- und Eisenkonstruktionen des Piers von Brighton; steinerne Tempel in Burma, ihre Ordnung in der Landschaft und im Kosmos; aus riesigen Schilfbündeln gebaute Schiffe und Häuser in den Sümpfen am Unterlauf des Euphrat; den Sonnenstand und seine Wanderung im Dunkel der romanischen Kirchen auf dem Weg nach Compostela.¹ Gräser Graspflanzen (Graminales) haben in hohem Maße Anteil am Vegetationsgürtel der Erde. Es gibt kein Land ohne Gräser. Der amerikanische Westen, die Pampas und die Savannen werden von Wildgräsern beherrscht; die großen Ebenen Eurasiens, von Ungarn bis Ostsibirien, vornehmlich vom Federgras (Stipa pennata); die Steppen Nordostafrikas von Espartogräsern. In der riesigen Familie der Gräser gibt es ausgesprochene Bewohner warmer Breiten wie Hirse (Panicum) und Federborstengras (Pennisetum); reine Wasserpflanzen wie die Mannaschwaden (Glyceria fluitans); Kosmopoliten wie das Schilf (Phragmites comunis) und in den höchsten Höhen, die Blütenpflanzen überhaupt erreichen können, wachsen der Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis) und der Ähren-Goldhafer (Trisetum spicatum). Demeter Demeter ist die Mutter der Erde, die Spenderin der Feldfrüchte, insbesondere des Getreides, eine der ältesten hellenischen Göttinnen, Urheberin fester Wohnsitze und geordneten Lebens. Ihre Tochter Persephone wurde von Hades, dem Gott der Unterwelt, beim Pflücken von Krautern gewaltsam entführt. Aus Trauer und Zorn über diese tödliche Begegnung versagte Demeter der Erde ihre Früchte, bis Zeus sie versöhnte, indem er bestimmte, daß die durch den Genuß von Kernen des Granatapfels dem Hades verfallene Persephone einen Teil des Jahres (Frühling und Sommer) auf die Oberwelt zurückkehren, den anderen Teil, die Wintermonate, während derer die Vegetation erstirbt, im Hades verweilen solle. Weltmarkt In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden die Weiten Amerikas und Rußlands unter den Pflug genommen. Die europäischen Bauern werden abhängig von Weltmarktpreisen, deren schwankende Bewegungen sie weder kennen noch beeinflussen können. Es entstehen neue Mysterien, Rauschzustände an den Börsen, eine neue Religion. Die Klassiker der Ökonomie entwickeln ihre Wissenschaft weitgehend in der Diskussion über Kornpreise und Freihandel. Eine nie gekannte Art von Agrarkrisen taucht auf: chronische Überproduktion begleitet von Preisverfall, Arbeitslosigkeit, künstlicher Vernichtung der Ernte, Hunger. Fürchterlicher als Naturkatastrophen wirken die Märkte. Der Weizenblüte folgt ein Bauernsterben ohne Auferstehung. In Europa kaufen die Bauern und kleinen Leute billige Öldrucke mit Christus im Kornfeld, während in Amerika die großen Prärien in eine Weizenfabrik verwandelt werden. In Rußland lehrt Tolstoi, in Indien Gandhi die Selbstgenügsamkeit. In Amerika dreht D. W. Griffith "A corner in wheat", 1909, einen der bedeutendsten Filme dieses Jahrhunderts, in dem er das Unfaßbare des Zusammenhangs von bäuerlicher Arbeit, Spekulation und Hunger zeigt.⁴ Mehr als jede industrielle Krise bereitet in Mittel- und Südeuropa die Krise der Landwirtschaft den Boden für den Faschismus und Nationalsozialismus.⁵ In Amerika wird die Schwarzerde der von Viehherden zerstampften und von mächtigen Traktoren umgepflügten Prärie durch Zerstörung der Grasnarbe zu Staub. In den dreißiger Jahren, während der großen Depression, kommt es zu einem "Amoklauf der Erde" in Gestalt riesiger Staubstürme, die im März 1935 "die halbe Weizenernte von Kansas, ein Viertel derjenigen von Oklahoma und die gesamte Ernte von Nebraska" zerstören und an einem tag zwei Millionen Hektar vernichten.⁶ Bericht Die von Ursula Schulz-Dornburg aufgenommenen Weizenähren erzählen einen anderen Aspekt dieser Geschichte. Mit der Entwicklung der Landwirtschaft hat der Mensch durch Auslese und Züchtung eine Explosion genetischer Vielfalt verursacht. Und die barbarischen Wildgräser sind immer wieder in die Kulturen eingefallen und haben Rückfälle bewirkt, aber auch die Entwicklung bereichert. Jede lokale Sorte und es gibt bei den ältesten Kulturpflanzen wie Weizen, Mais oder Reis bis zu hunderttausend ist Ergebnis der besonderen Boden- und Klimaverhältnisse, der kulturellen Praktiken, der nachbarschaftlichen Vegetation, der Schädlinge und Krankheiten.⁷ Die wissenschaftliche Züchtung des 20. Jahrhunderts hat diese Sorten reduziert und standardisiert und die traditionellen Populationen mit ihrer Vielfalt an Individuen vernichtet. Die Bilder zeigen es: Der pralle, disziplinierte und leistungsorientierte Hybridweizen hebt sich deutlich ab von den abenteuerlichen, lebendigen Gestalten und Charakteren der primitiveren Sorten. In diesem Gegensatz zeigt sich ästhetisch jener immer tiefer werdende Widerspruch, der darin besteht, daß die Wissenschaftler mit Aufwand und Eifer die Vielfalt der Kultur- und der Wildpflanzen erforschen und sammeln, während die Verwertung der dabei gewonnenen Erkenntnisse dieser Vielfalt den Boden entzieht.⁸ Persephone wird wieder geraubt und die Gen-Banken werden zum Hades: Herrscher der Unterwelt und des Reichtums. Es war Helios, der der verzweifelten Demeter vom Schicksal ihrer Tochter berichtete. Die Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg sind ein Bericht dieser Art.
² Michel Foucault: ³ R. G. Wasson, A. Hofmann, C. A. P. Ruck: Der Weg nach Eleusis, Frankfurt 1984, S. 6l ff. ⁴ Helmut Färber: ⁵ Karl Polanyi: ⁶ Donald Worster: ⁷ Silvio Bartolami: ⁸ Cary Fowler & Pat Mooney:
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