Publikation:
Land aus Schilf und Wasser
Fotoausstellung in der Kestner-Gesellschaft
"Der Tigris des alten Mesopotamien Darstellung einer Reise in die Republik Irak 1980" überschreibt Franz Rudolf Knubel seinen knappen, nüchternen Bericht über eine Unternehmung, die er mit Ursula Schulz-Dornburg ins alte Mesopotamien unternommen hat. Knubel lehrt Designtheorie und Wahrnehmungslehre in Essen, Schulz-Dornburg ist Fotografin. Die Reise ist nach einer Burma-Fahrt die zweite Unternehmung zweier Künstler, zu den Anfängen menschlicher Kulturen zurückzufinden, Ein "Traum", heißt es im Vorwort der Wunsch, "zum Ursprung der Mythen, zur Synthese von Land und Wasser, zum Land der Sintflut" zu kommen.
Die Künstler, beide Jahrgang 1938, haben diesen Traum realisiert und für andere begreifbar gemacht: in der Kestner-Gesellschaft Hannover ist als Studio-Ausstellung, von der Republik Irak unterstützt, die Reise in das Land aus Schilf und Wasser in Fotos dokumentiert. Nichts ist geblieben von den Schwierigkeiten, heute durch das alte Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris zu fahren. Nichts wird dem Betrachter überliefert von den Abenteuern, den Hindernissen, den Gefahren, der Hitze. Keine Fundstücke, kein Schilfhalm zur Erinnerung. Die Spuren dieser Reise sind eingegangen in eine stumme, eindringliche Folge von Fotografien, in unsentimentale Bilder von Natur, von Menschen und ihren Wohnungen. (Eine Gemeinschaftsarbeit im übrigen, ohne Hinweis darauf, wer welche Fotos gemacht hat.)
Schulz-Dornburg / Knubel fanden auf Ihrer Reise zum Arabischen Golf einen mächtigen Strom zwischen den beiden Flüssen, der wahrscheinlich dem Lauf des Tigris im alten Mesopotamien entspricht. Sie fotografierten, von den Ufern, von der Flußmitte aus, und die Fotofolge der Ausstellung entspricht ihrer langsamen Fahrt in eine biblische Welt: Lehmgebäude von Bauern am Fluß, Kühe, Eselreiter, eine Palme, eine Gruppe von Palmen, Häusergruppen und Zeichen für Gegenwart ein Leitungsmast, ein landwirtschaftliches Fahrzeug, vermummte Gestalten; schließlich die weite, offene Ebene, in der Land und Wasser ineinander übergehen, Schilfinseln, Schilffelder, Leute in Kähnen, Häuser aus Schilf. Es sind menschliche Behausungen wie eine Arche Noah schwimmende Hütten, kunstvoll geflochtene Mauern, Dächer und Zäune, Ur-Häuser wie Schiffe im Strom, schweigende Zeugnisse einer archaischen Zivilisation.
Die Fotos, schwarzweiß, von durchgängig mittlerem Bildformat, sind bestimmt von den ruhigen, durch nichts zu irritierenden, breiten Horizontalen der Landschaft. Zwischen Wasser und Himmel liegt das Land, breitet sich das Schilf aus schmale Streifen am Ende der Welt, wo die Gleichförmigkeit feierlich wird und die Ruhe der Motive meditativ. Wenn Wind weht und das Wasser kräuselt; wenn sich das Schilf bewegt, wenn ein Vogel auffliegt, ein Boot gleitet, wenn Palmen sich im glatten Strom spiegeln, füllt sich die Ruhe an mit Leben. Die uralte Kulturlandschaft ruht in sich. Daß die Realität andere Seiten hat, daß im Irak gekämpft wurde, haben die Künstler erlebt. Gesucht und gefunden haben sie ihren Traum.
Ursula Bode
Hannoversche Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 16. September 1981